Bruch

Buche

Gewachsen über Generationen, mächtig, groß,
dem Licht entgegen, ein Weltendach aus Blättern.
Zwei Buchenstämme eng verwachsen, tiefverwurzelt,
umschlangen sich wie für die Ewigkeit.

Doch dann kam ein Sturm und seine Böhen, rauhen Gesellen gleich,
die den Wald ergriffen und mit bösem dunklen Spiel
ein verheerend Werk erwachen ließen,
ohne Gnad und ohne Blick mit blinder wütend Kraft.

Am Tag danach im ersten Morgenlicht war alles still,
zerborsten und zerfetzt, was so untrennbar schien.
Wie anders war jetzt der Forst, der einst so dicht.
Eines Baumes Hälfte nur blieb zurück und fortan gespalten.

 

(P.S. Vor dieser Buche in unserem Friedwald habe ich vor drei Jahren
meine Abschiedsrede an Rosi gehalten. Der Sturm wütete im Herbst
2018.)

Symbiose

Wir brauchten einander wie Luft und Wasser. Wir schenkten einander unseren Atem und tranken am Wesen des anderen. Wir lebten dicht an dicht, Körper an Körper und wurden dennoch durch den Tod für immer getrennt. Nur der Glanz und die Strahlen alter Tage berühren mich noch immer.

Für immer

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Wenn ein Band zwei Menschen miteinander verflochten hat und diese Bindung nicht einengend, sondern sogar als Befreiung erlebt wurde, dann trägt dieses Band auch über den Tod hinaus. Was vorher wie selbstverständlich gemeinsam durch die Jahre getragen hatte, tritt dann in aller Deutlichkeit hervor, wenn der Partner nicht mehr ist.

Übriggeblieben

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Da war ein Familie, waren Kinder, Geschwister, Verwandte,
später ein junges Paar und wenig später ein Kindeskind.
Da wuchs ein großer Kreis, der sich kannte.
Doch erst ging der eine, dann entschwand der andere
und der Rest ist weggetaucht.
Jetzt bin nur noch ich.

Ihr habt mir alles hinterlassen,
eure Schätze und eure Träume,
die ich alleine nicht träumen kann
und eure Schätze machen nicht glücklich.

Berührend

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Meine Finger gehören mir,
breit, dick, faltig.
Sie sind mir treu geblieben,
über all die Jahre.

Sie machen meinen Kaffee,
schmieren mir eine Stulle.
Sie putzen ab, was mich verlässt,
schreiben auf, was ich nicht sagen kann.

Meine Finger stehen zu mir,
drücken mich aus, halten mich fest,
wenn niemand mich halten will,
zeigen Fingerspitzen und Gefühl.

Meine Finger sind da, wenn ich sie brauche.
Packen an, gestalten, werkeln,
könnten streicheln, könnten Brücken bauen,
wenn Worte nicht sprechen wollen.

Mit meinen Fingern berührte ich sie ein letztes Mal,
schloss ihre toten Augen, doch nicht den aufgerissen Hals.
Meine Finger sind breit, dick und faltig,
sie sind mir geblieben.

Wandlung

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Laut will ich trauern und zeigen,
dass Normalität nie wieder normal ist.

Laut will ich weinen,
und euch die Ruhe stören.

Laut will ich klagen,
mir selbst ein Stachel sein.

Doch mein Mund ist ohne Stimme
und nur Stille ruht in mir.

Vernarbt ist jene Wunde,
die niemals heilen sollte,
weil ich es wollte.

Leise will ich sein,
dankbar und mutig.