Späte Reichweiten

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Ich stehe allein, doch nicht ohne Potential und Willen. Seit Monaten hänge ich an Wänden und Kabeln, hämmere, vernetze, werfe Putz an Wände, schaffe Schritt für Schritt, mit nur zwei Händen voller Blasen. Ich habe mir hehre Ziele gesetzt, eigentlich ein absoluter Irrsinn.

Dabei stellen sich mir wenigstens fünf Großbaustellen: Finale Berufsphase mit Einstieg in den Abschnitt danach; Partnerschaft oder Singularität (?); Sinnfindung trotz alledem; handwerkliche Herausforderungen in Legion; eigener Lebensabschluss und Tod.

Und es bleibt, was will ich noch, ohne sie. Gibt es etwas nach ihr?

Ansonsten ergeben sich noch die üblichen Anforderungen des Alltags: das Ende meines Vaters und ein Transfer von vier Generationen auf einen Sohn. Das sollte vorerst  reichen.

Auch im Alter hat man noch Visionen. Mal sehen, wie lange der Tank reicht. Wenn nicht jetzt, wann sonst? Die letzten 3 Jahre haben mich ver-rückt. Nun taste ich mich vor, Schritt für Schritt.

Fortschrift

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Warum hört meine Geschichte immer noch nicht auf? Klar, der Faden hatte einen Anfang. Doch unterwegs kam Neues dazu, andere Perspektiven, verrückte Mischungen, nichts bleibt wie es war, auch keine Erinnerung. Das ist keine Reduzierung des Geschehenen, aber ein Prozess, der immer wieder Fäden aufgreift und sie zu einem Netz verwebt. Mittlerweile rutsche ich in eine Zone hinein, die das Stigma „Alter“ trägt. Für viele muss jetzt alles angehalten werden, damit die Stones in 50 Jahren immer noch darüber klagen können, keine Satisfaktion zu kriegen. Alt werden, heißt weit zurückzusehen und gleichzeitig zu wissen, dass da vorne nicht mehr so viel ist. Das haben Wege so an sich, dass sie irgendwo enden und das ist gut so. Schließlich müssen auch mal die Jüngeren ran. Zum Altwerden gehört auch das Loslassen, das Zurücktreten in die hinteren Reihen. Von dort ist die Übersicht besser und wenn man darf, lässt sich noch das Eine oder Andere beitragen. Sich selbst und die gemeinsame Alterskohorte bei der Stange zu halten, ist Aufgabe genug.

Wie geht’s?

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Es geht mir gut, wirklich gut, ziemlich gut, zu gut; ist das gut? Ich kann mich bewegen wie ich will, denken, lesen, mir etwas leisten, klug daherreden, mich hinterfragen, kritisieren und Endzeitszenarien heraufbeschwören. Meine Füße stehen im losen Sand, wenn überhaupt. Ich bette mich in Kurzlebigkeit und sitze schnell vor leeren Gläsern. Nachts wärme ich mich alleine. Es geht mir gut; eigentlich.

Fremde Schläge

Immer wieder, das bewusste Brechen von Zweigen, vor meinen Augen. Was soll das, reicht es nicht aus, mich außerdem des Kreises zu stellen? Aber womöglich gilt das gar nicht mir, sondern mir fremden Gespenstern aus der längst verblichenen Jahren, die womöglich auch nicht wissen, wie ihnen geschieht, auch wenn sie längst nicht mehr unter uns weilen, aber immer noch nachwirken.

Das neue Jahr

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Vergangenes wirkt immer auch im Gegenwärtigen, aber es hat keine schlüssigen Antworten für die Zukunft. Ich muss stets wieder neu entscheiden und es ist allemal besser selbst zu entscheiden, als durch Abwarten oder Zögern die Situation oder andere entscheiden zu lassen. Jeder weitere Schritt ist Wagnis und Zuversicht zugleich. Lösungen, die letztlich immer nur Zwischenetappen sein können, liegen einzig im Blick nach vorne.