Ich und Wir

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Es war richtig so früh nach ihrem Tod wieder eine Partnerin aktiv zu suchen. Diese Schule fiel mir nicht leicht, war ich es doch gewohnt, fast 25 Jahre in einem vertrauten und nahen Kontakt leben zu dürfen. Der Weg aus der entstandenen Distanz ist mir bis heute noch nicht gelungen, selbst drei Jahre danach. Auf meinem neuen Lebensabschnitt erfuhr ich Verletzungen und habe andere leider ebenso verletzt. Solche Erfahrungen sind bitter, aber vielleicht unvermeidbar. Ob ich daraus zu lernen vermag, ist nie gewiss. Beruflich zu funktionieren ist ein Handwerk. Als Mann mit einer Frau Nähe zuzulassen, muss ich erst wieder lernen. Ebenso ist das mit dem Kommunizieren, wozu vorher ein Blick oder eine Berührung genügte. In liebevollen Umarmungen durfte mein Ich ein Wir erleben. Jetzt finde ich nur noch mein verbliebenes Ich und komme wenn es gut geht, gerade noch zu einem Du. Ein Wir erwarte, wage ich nicht mehr. Womöglich gelingt genau das nur einmal im Leben.

Morgengrauen

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Ein Morgen wie ein Türschlitz,
irgendwie passe ich nicht hindurch.
Mein Brustkorb fühlt sich eingeklemmt,
ohne dass mir etwas konkret vor Auge steht.

Der Himmel und meine Stimmung,
grau in grau.
Die Dämmerung nimmt sich immer mehr
vom Tageslicht,
nur das Leuchten des Monitors tut so,
als ob es mir etwas sagen könnte.

Kälte macht sich in der Wohnung breit.
Raben hüpfen über die Dächer
und äugen durch die Fenster.
Niemand sitzt neben mir,
nur jene Leere, die mir an den Beinen hängt
und das Atmen schwer macht.

Samstag

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Ein öffentliches Bier danach,
meine Augen blinzeln in die Sonne,
ohne jemanden erkennen zu wollen.
Aufsteigender Rauch aus Nase und Mund,
ein Zigarillo zwischen zwei Fingern.
Gedanken springen zwischen Tagesergebnissen
und noch ausstehenden Aufgaben.
Punkt für Punkt geht es weiter.
Ob ich meine Ziele erreiche ist egal,
aber meine Bilanz deute ich positiv.
Ein Bier in der Menge tut mir gut.
Ich bin dabei und außen vor.
Aber ich mache nichts falsch
und komme dennoch zu kurz.

Bruch

Buche

Gewachsen über Generationen, mächtig, groß,
dem Licht entgegen, ein Weltendach aus Blättern.
Zwei Buchenstämme eng verwachsen, tiefverwurzelt,
umschlangen sich wie für die Ewigkeit.

Doch dann kam ein Sturm und seine Böhen, rauhen Gesellen gleich,
die den Wald ergriffen und mit bösem dunklen Spiel
ein verheerend Werk erwachen ließen,
ohne Gnad und ohne Blick mit blinder wütend Kraft.

Am Tag danach im ersten Morgenlicht war alles still,
zerborsten und zerfetzt, was so untrennbar schien.
Wie anders war jetzt der Forst, der einst so dicht.
Eines Baumes Hälfte nur blieb zurück und fortan gespalten.

 

(P.S. Vor dieser Buche in unserem Friedwald habe ich vor drei Jahren
meine Abschiedsrede an Rosi gehalten. Der Sturm wütete im Herbst
2018.)

Jahrestage

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Auf den heutigen Tag genau fand ihr Leiden vor drei Jahren ein Ende. Der Tod saß bereits mit am Bett, als wir die letzten Stunden miteinander teilten. Du warst mir das Wichtigste in dieser Welt und dennoch wurdest Du einfach fortgerissen. Diese schmerzvolle Lücke in meinem Leben ist mir bis heute geblieben. Es hat sich letztlich nichts geändert und ich denke jeden Tag an Dich. Bereits in den Jahren zuvor waren wir durch schwere Lebenseinschnitte immer enger zusammengerückt. Ich wollte uns Mut machen und entwarf die Vision, dass 2016 wieder ein gutes Jahr werden könnte; es wurde Dein Letztes. Jahrestage sind schwer zu ertragen, aber es sind nur Tage, an denen geboren und gestorben wird.

Der Tod kam, er nahm Dir den letzten Atem, ging und ließ uns zurück.