Zeuge wider Willen

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Bisher hat mich vieles, das mir im täglichen Geschehen zuwider lief und ich nicht akzeptieren wollte, nicht selten wütend gemacht. Diese Wut musste ich dann selber ertragen, sprich, ich habe mir nur selbst geschadet und musste das in mir alleine ausbaden. Dass das, was mich ärgerte, nicht in Ordnung, ja sogar von großem Übel war und ist, blieb und bleibt davon unberührt. Es wirkt einfach weiter und greift um sich. Jetzt bin ich häufig nur noch traurig, unendlich traurig, denn es ist mir, klar, dass ich nichts aufhalten, ja letztlich nur zusehen kann wenn nicht gar zusehen muss. Denn wegsehen oder weghören kann ich leider nicht.

Übriggeblieben

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Da war ein Familie, waren Kinder, Geschwister, Verwandte,
später ein junges Paar und wenig später ein Kindeskind.
Da wuchs ein großer Kreis, der sich kannte.
Doch erst ging der eine, dann entschwand der andere
und der Rest ist weggetaucht.
Jetzt bin nur noch ich.

Ihr habt mir alles hinterlassen,
eure Schätze und eure Träume,
die ich alleine nicht träumen kann
und eure Schätze machen nicht glücklich.

Sichtweiten

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40 Jahre Abitur, eigentlich fast ein Klassenausflug,
eine schöne Fahrt mit dem Rad ins Grüne
und jetzt hoch oben am Bierkeller sogar mit Blick in die Ferne.
Mein Tisch ist leer.

Eine lange Zeit liegt hinter mir, deutlich weniger vor mir.
Vieles ist in den Jahrzehnten ganz ordentlich, ja sogar wirklich richtig gut gelaufen,
so manches war bitter und hart, doch im echten fairen Vergleich, fast zu leicht.
Einiges hätte ich ganz gern anders gemacht, für weiteres mehr Mut gebraucht.
Und immer noch bin ich für Fehler, auch schlimme und heftige Fehler, zu haben.
Alter und Klugheit haben wenig miteinander zu tun,
nur Einsicht und  Reue kommen früher, jedoch wie immer zu spät.

Aber ich blicke nicht nur zurück, ich blicke immer noch nach vorne.
Hinter jeder Kurve, jedem Eck, bei jedem Kontakt in meinem Leben
erlebe ich ungeahnte Überraschungen und neue Perspektiven.
Nichts verläuft einfach so nach Plan. Ich darf mitmachen, mehr allerdings nicht.

Berührend

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Meine Finger gehören mir,
breit, dick, faltig.
Sie sind mir treu geblieben,
über all die Jahre.

Sie machen meinen Kaffee,
schmieren mir eine Stulle.
Sie putzen ab, was mich verlässt,
schreiben auf, was ich nicht sagen kann.

Meine Finger stehen zu mir,
drücken mich aus, halten mich fest,
wenn niemand mich halten will,
zeigen Fingerspitzen und Gefühl.

Meine Finger sind da, wenn ich sie brauche.
Packen an, gestalten, werkeln,
könnten streicheln, könnten Brücken bauen,
wenn Worte nicht sprechen wollen.

Mit meinen Fingern berührte ich sie ein letztes Mal,
schloss ihre toten Augen, doch nicht den aufgerissen Hals.
Meine Finger sind breit, dick und faltig,
sie sind mir geblieben.

Lichtblick

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Bisweilen passiert es doch. Mitten am Tag leuchtet ein Licht auf, wie das Licht einer Kerze, deren Docht nicht mehr zu existieren schien. Dennoch war der Rauch des Erlöschens seit mehr als einem Jahr nicht zu verdrängen. Da half kein Lüften, da half kein Putzen, der Rauch fraß sich in Stoff, Wände und Gedanken. Und jetzt brennt da ein Licht und es riecht nach Sommer.

Spurlos

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Auch wenn ein altes Leben voll ist wie eine zugestellte Rumpelkammer, dann birgt doch jeder Tag wieder die Illusion, ein weißes Blatt neu gestalten zu dürfen. Aber die eigenen Gedanken und Worte kommen aus dem schon eingängigen Fundus, die gewohnten Lebenslinien kennen sich und der Alltagsklang weiß um seine Harmonien und schrägen Weisen. So folgt Blatt auf Blatt, sinkt zu Boden, zerknüllt, zerrissen oder einfach nur abgetrennt. Und wenn ich dereinst meine Kammer verlasse, brauch ich das Papier nicht mehr, denn ich habe auf keinem Blatt etwas von Bedeutung hinterlassen.

Irgendwie anders

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Pendelschläge sind launisch,
ihr Schwerpunkt nicht sichtbar.
Sie zeigen an, geben Veränderungen ein Gewicht.
Pole bewegen sich, ziehen eigene Bahnen,
greifen ein, verschieben leise.
Kräfte wirken ohne Gestalt und Gesicht,
fließen, bleiben, ziehen weiter,
bewegen, ohne bewegt zu werden.
Manche Dinge fangen schon an,
ehe sie sich zeigen.

Statist

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Mitten drin, auf der Bühne, im Gewusel, aber ohne Rolle.
Jeder sieht mich, sieht durch mich hindurch,
ich bin da, aber es würde nicht auffallen, wenn ich nicht da wäre.
Reisen, Autos, etwas machen, weil man es kann,
auch wenn es alles kaputt macht.
Individualisten und noch viel mehr Autisten,
eine Gesellschaft von Geisterfahrern,
die aber wie Lemminge gleiche Ziele verfolgen.
Wer nicht im Strom schwimmt, treibt ab oder wird weggeschoben.
Ich bleibe im Hintergrund, sage lieber nichts,
kann nicht wegsehen und spüre nur Frust.
Meine kleine Insel ist anders, liegt versteckt zwischen Buchdeckeln,
auf der Rückseite von glatten Fassaden,
grüne ungeregelte Nischen mit fließenden Strukturen.
Ich tauche auf und tauche ab, bin dabei und dann wieder weg.
Meine Spuren sind ohne Bedeutung und Nachhall,
mein Auftritt klappt auch ohne Beifall und Publikum.