Gebeugt

Ein Fahrrad, eine Gestalt, eine Silhouette, eine weiße Pudelmütze, bannte und führte meinen Blick. Ich ahnte ihr Wesen, spürte ihre Nähe und drückte mich in beklemmender Scham davon, ohne Überlegung, ohne Kontrolle, einfach so. Ich war ohne Mut, der mir nicht zustand, auch wenn ich damals einfach das tat, was mir Leben und erhofftes Licht verhieß, das ich mit ihr immer weniger atmen konnte. Ich war und bin klein, ich möchte nicht wieder ihr Anlass für verbalisierte Peinlichkeit sein, die für mich irritierend wie entfremdend war.

Wieso

Noch fehlen mir die Worte. Meine Gefühle sind müde. Ich sehe am Tisch ausglimmende Kerzen. Inneres Nachspüren ist erst einmal aufgeschoben. Aber einfach per Klick gestrichen zu werden, ist wohl dem Zeitgeist geschuldet und nicht einem Geist, dem die Fähigkeit der Sprache gegeben ist. Ohne Orientierung zu leben, wird mir langsam zur Normalität. Vielleicht fühle ich mich an eigenes Handeln, an eigenes Unrecht erinnert, ohne dies damals gewollt zu haben. Wollen ist nicht eine Frage des Gewissens, sondern eines Handelns in einem inneren Zwang. Ohne Schuld zu sein, ist reiner Zufall oder ein Missverständnis. Zu verstehen ist immer ein Irrtum. Immerhin habe ich heute meine alte schon verloren geglaubte Mütze in einer Kneipe wiedergefunden. Ich halte zu mir, trotz alledem. Wer oder was bleibt mir sonst?

Wach

Kopfhörer
Es ist dunkel, ich liege links, ich liege rechts, am Rücken, irgendwie und einfach wach, aber dennoch gelassen und ohne Zwang. Da sind ordentliche Sorgen, die sich auf Gegenwart und Zukunft legen, aber ich lasse sie liegen, stehe auf und lese. Ich muss alles alleine anpacken, alleine lösen und es ist ein ganzer Berg an Themen. Und es steht mir niemand zur Seite. Es ist tief in der Nacht, das Erwachen wird etwas schwer fallen. Aber es darf sich ruhig etwas Zeit lassen, denn die Situation bleibt. Nur sie bleibt mir auf den Fersen.

Fragil

Eigentlich war wir ganz nett zueinander, aber wir haben uns beide hinter dem Eigentlich versteckt, sonst hätten wir uns womöglich wirklich gesehen und es wäre ernst geworden, eigentlich. Darum waren wir nett zueinander. Sonst hätten wir über das gesprochen, was wirklich mit uns anlag und nicht über das, was nett war, eigentlich. Bis ich nicht mehr nett war und nicht so recht wusste, warum etwas zerbricht, wenn das Eigentlich wie ein Vorhang fällt.

Entweltlichung

spiekelbaum

Längst trage ich Lebenskleider, die nicht wärmen und die ich nie ausfüllen wollte. Längst lebe ich ein visionsloses Leben, das nur Kalenderblätter verliert und eingetrocknete Wochen zurück lässt, an die ich mich schon nicht mehr erinnern kann, selbst wenn sie erst beginnen. Ereignisse gibt es nicht mehr, nur noch sich wiederholende Alltagshandlungen, wie ein beliebiges Waschprogramm. Tage und Nächte haben ihren Unterschied verloren. Jetzt geht von mir keine Gefahr mehr aus, die Euer standardisiertes Nichtleben in Frage stellen könnte. Jetzt bin ich einer der Euren geworden, in meinem Wesen so ergraut, dass ich nicht mehr um die Farben einer Frühlingswiese weiß. Doch ich werde auf der anderen Seite bleiben, Blumenzwiebeln eingraben, Samen auswerfen und auf den März warten.