Lebensfluss

baumtunnel

Wild tosen die Wochen, Tage und Stunden. Es zieht, es reißt, nimmt alles mit, aus dem hellen Tag hinweg in die ewige Nacht. Das Leben war zunächst ein scheinbar langes Sein, das Ende jenseits eines Hügels und weit außer Sicht. Doch jetzt liegt der Zenit längst hinter mir. War der Verlauf früherer Jahrzehnte dereinst noch schleppend, ist das Abgleiten in die späten Jahre wie ein stürzender Bergbach, der mich in seiner schäumenden Gischt zunehmend umschlingt.

Abendgedanken

mais

Der Tod ist ohne Ehre. Er schleicht sich ein, zerdrückt alles Gewesene und wirft auch das noch Seiende in den Dreck dauerhaften Vergessens. Der Sterbende ist nur noch Objekt eines unaufhaltsamen Abknickens. Stäbe, Knochen und Wille werden gebrochen, ohne Spruch und Sinn. Es bleibt eine absolute Negation von jeglicher Existenz: ein leeres schattenloses Nichts.

Kirkes Bann

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Sie war wie Kirke, ich war von ihr gefesselt, ihrem Wesen, ihrer Aura, ihrer Art gegenwärtig zu sein. Doch auch ich hielt mich selbst gefesselt und wagte nicht zu nennen, dass mir an mehr lag, als nur an ihrer Begleitung, ihrem Wissen, ihrem freundlichen aber dennoch unnahbaren kühlem Wesen. Ich war verklärt durch ihren Glanz, der für mich vieles überstrahlte. Aber ich schwieg, während in mir ein Drängen war, das stetig lauter wurde.

Der Bruch war letztlich ein Irrtum, da ich in ihr längst eine vermeindlich gute Freundin glaubte, die nicht nach Nähe äugte. Mein offenbarter Entschluss, eine neue Liebe zu suchen, vollzog einen Schluss, den ich letztlich in dieser Form nicht wollte.  Die sich dann anschließenden wenigen Tage einer völlig vermurksten Kurzaffaire, beendeten schließlich ein monatelanges Spiel mit verdeckten Karten in tiefem Schweigen. Erst jetzt wurde sichtbar, ihr Blatt und das meinige war enger verknüpft, als ich es ahnte. Vielleicht auch enger als sie es ahnte. Doch wir verkannten uns im gemeinsamen Spiel, das nicht zueinander fand. Erst als die Karten am Tisch lagen, im Eklat, zeigte sie ihre von mir verletzten Gefühle, die ich so lange ersehnte und erhoffte, doch nie spüren durfte. Der Bann war gebrochen und damit ein Zauber, der mir dereinst Licht in dunkle Wochen brachte und dem Winter seine Kälte nahm.

Vorfreude

erwartung

Eine Tür steht angelehnt, durch die sanftes Licht fällt. Es riecht nach Lavendel und Holz. Leiser Wind bewegt Sträucher und Bäume vor dem Haus. Wärme und viel unaufgeregte Erwartung streicht über meine Haut. Da ist Nähe spürbar, greifbar, auch ohne Berührung. Die Stille wiegt sich in einer Melodie, ohne Ton und Text. Einfach eintauchen und geschehen lassen, was leise sich findet.

Out of the box

aufgang

Manchmal ist eine Partnerschaftsbörse wie ein Warten auf Nachricht in einer dahintreibenden Raumkapsel, deren Sauerstoff nur noch für begrenzte Zeit reicht. Ich schicke Nachrichten ins weite Off, in der Vermutung, dass da draußen in den unendlichen Weiten irgendwo intelligentes Leben sein könnte. Das Thema Partnerschaft relativiert sich allerdings aus diesem Betrachtungswinkel. Als Kurzweil bieten sich Bücher aus der hohen Geisteswelt oder sonstige erhebende literarischen Ergüsse an. Es kann natürlich einfach nur ein edler Wein sein oder ich dröhne mir die Ohren zu. Alternativ ist das Lauschen auf die Stille nicht ohne Liebreiz.

Glücklicherweise kann ich mir sehr real ein Bier aus der coolen Box ziehen oder mal das Bein über mein Rad schwingen, um ein paar Straßen und ein paar Hügel abzustrampeln. Dabei spüre ich, dass ich immer noch da bin und das Leben solo gar nicht mal so schlecht ist. Danach kann ich wieder in meine Raumkapsel.

Dämmerung

wolken

Es ist noch so früh. Gerade eben erst wird es langsam, ganz langsam hell. Ich kann meine Gedanken noch hören und sehen. Selbst die Vögel schweigen trotz weit geöffneter Fenster. Es ist ja auch schon August. Die Mauersegler sind längst jenseits der Landesgrenzen. Beflügelte Emigranten, die irritiert auf überfüllte Schlauchboote tief unter sich blicken, die in umgekehrter Richtung dahin dümpeln.

Draußen rauschen Blätter. Nachts war endlich Wind aufgekommen und die Hitze der letzten Tage hat sich versteckt. Wind kann ich nicht sehen, nicht greifen, aber er greift sich alles, was er kriegen kann. Schiebt Wolken einfach über den Himmel oder schüttelt die Bäume. Er berührt auch mich, denn er steht für die Bewegung, die nie bewegt werden musste.

Ich denke an ein Feldgehölz, das vom Wind zerzaust wird und an dunkle Wolken, die wie Schafe über die Hecken springen.

Es ist noch so früh, die Straße schläft. Gut, wenn wenigstens ich schon mal aus dem Fenster sehe. Ich gehöre noch mir alleine. Erster Kaffee lässt die Zivilisation herein. Ich lese die Zeitungsartikel der ZEIT zum dritten Mal und sie sind mir immer noch neu und unvertraut. Buchstaben überfliegen kann jeder. Aber nach einer Stunde erzählen, was sie bedeuteten, was sie formten und erzählten, das ist nur wenigen vorbehalten, die aber nichts dafür können.

Die Fische im Aquarium solidarisieren sich im Schwarm um die Futterecke, wohl um den konditionierten Futtergeber zu einer Handlung zu veranlassen. Gilt das mir? Draußen melden sich zaghaft nun doch erste verschlafene unwillige Vogelstimmen.

Das Morgenlicht blickt zunehmend in alle Winkel der Wohnung und stiehlt ihr das Verwunschene. Hingen vorhin noch die Wolken wie dunkle nasse schwere Säcke an einer imaginären schwarzen Decke, so sind es jetzt einfach nur Wolken.

Immer noch bewahrt sich das Zimmer einen milden Dämmerschlaf und träumt den Traum einer Anderswelt, die das Licht nicht mag. Langsam kann ich mich erinnern. Wir wollten uns in die Luft sprengen. Nicht einfach so, sondern eine ganze Stadt sollte es treffen. Warum, wozu, das hat mir der Traum nicht erzählt.Wir haben es wohl auch nicht getan, blieben im Bus hängen und dann war die Gelegenheit vorbei; seltsam.

Ungläubig fällt mein Blick auf die Uhr. Zwei Stunden waren im Morgengrauen abgetaucht. Der Tag sieht mich an und plötzlich gehöre ich ihm.

Schreiben ist wie Malen oder Spazierengehen. Während die Minuten meandern, nimmt jeder Gedankenflug einfach eine Abkürzung, ohne mich erst lange zu fragen oder spüren zu lassen. Jetzt aber hat mich mein Chronometer wieder fest im Griff und kichert sein leises wie endloses Ticken.

„Ich bin eben mal bei Godot“

pfähle

„In fünf Jahren möchte ich… nicht viel anders leben als jetzt.“ Stammt nicht von mir, ist aber trotzdem richtig. Ein „wenn ich erst mal … “ verschiebt alles auf einen Zeitpunkt, den ich womöglich ohnehin nie erlebe. Ich vermassle mir damit bloß den jetzigen Augenblick und das ist eigentlich alles, was ich wirklich habe. Ich kann nur heute leben, nicht irgendwann. Wenn ich etwas ändern möchte, muss ich das gleich angehen oder gleich vergessen. Aufschieben heißt, sich mit dem abfinden, was ich eigentlich nicht haben möchte. Ich lebe dann irgendwo zu einem anderen Zeitpunkt und bin nie hier. „Ich bin eben mal bei Godot.“ Wenn ich dusche, dusche ich, wenn ich schreibe, schreibe ich, wenn ich esse, esse ich, wenn ich traurig bin, bin ich traurig, wenn ich liebe, dann liebe ich. Heute habe ich alle Chancen es zu tun und zu erleben, wann sonst.

Ausfahrt

abfahrt

Der Knoten hat sich gelöst. Mein Boot treibt langsam weg vom Ufer. Der ermüdende Hafen liegt hinter mir. Segel werden gesetzt und ich hoffe auf gute Winde. Es wurde Zeit. Schon lange gärte es in mir und ich habe nie den richtigen Moment gefunden. Jetzt liegt dieser hinter mir. Was jetzt kommt, muss ich von Augenblick zu Augenblick neu entscheiden. Es tut gut, wieder schwankenden Boden unter den Füßen zu haben. Das Thema Alltag ruht. Ohne Abenteuer wäre alles fade und trocken. Und selbst ein Drama hat mehr Esprit als ein wohltemperierter Lebensabend. Das Logbuch wird wieder neu geschrieben und die Tinte der ersten Zeilen ist noch feucht. Ich bin unterwegs. Alles andere ist unwichtig. Mein Blick heftet sich an den Horizont.

Wert-schätzen

reitermitstreifen

Gestorben war diesmal eine andere, doch sie kam vor zwei Jahren mit ihrem Mann in unsere Wohnung, als der Tod bei uns bereits fest eingezogen war. Der Besuch sollte uns trösten. Damals bekannte sie sich zu ihrer eigenen Erkrankung und glaubt noch an ihre Zukunft. Jetzt hat sie selbst der Tod ereilt und ihr Mann steht vor dem Nichts. Ich sah seinen Schmerz bei der heutigen Trauerfeier und litt mit ihm. Die Geburtstage unserer Frauen lagen nur wenige Tage auseinander. Auch bei uns Männern sind es nur wenige Wochen. Erst vor drei Jahren haben sie sich das Ja-Wort geben, jetzt ist es verwirkt. Ich saß auf der Empore und schämte mich nicht meiner Tränen. Vielmehr musste ich an mir halten, um nicht all das wieder aufbrechen zu lassen, das nur wenig verkrustet ist.

Ob sein Glaube ihm helfen kann, ihm Halt zu geben? Ich glaube an nichts und nur an den Augenblick. Das ist wenig und dennoch ziemlich viel, wenn man ein normales Leben ohne Einschränkungen führen kann. Ich bin einfach übrig geblieben, aber ohne Wert?

Oft genug fällt mein Blick auf Sperrmüll am Rand der Straße und gerne steige ich vom Fahrrad ab, um immer wieder auf kleine Schätze zu stoßen. Übrig Gebliebenes kann schnell wieder an Bedeutung gewinnen. Im benannten Fall ist Absteigen, das Innehalten am Wichtigsten! Schätze zu übersehen ist sehr einfach.