Vorrücken ins nächste Jahr

bussen

Bald kommt wieder die Zeit der Kalender.
Damals starb Sie an einem Freitag
und bereits am Montag kaufte ich neue Kalender.
Ich plante also für ein weiteres Jahr.
Jetzt ist es wieder bald soweit.
Soll ich erneut kaufen?
Reichen meine Visionen für ein neues Jahr?
Die zwei Jahre danach waren nicht ermutigend.
Ich lebe, verdaue, funktioniere, aber nehme nicht mehr teil.
Ich gehöre nicht mehr dazu, kann nicht mehr teilen und mitteilen.
Nur für mich selbst zu leben, ist anders,
ohne Korrektiv, ohne Erwiderung.
Nur für ein Jahr zu planen, heißt planen auf Sicht.
Ich werde es wohl tun.

Verpasst

allee

Wir standen beide vor einem verwunschenen ehrwürdigen Park,
dessen Tore weit geöffnet waren,
aber wir traten nicht ein.

Wir schwiegen uns an,
während wir stundenlang im Gespräch waren.
Unsere Vergangenheit hielt uns im Griff
und trotz unseres Alters fügten wir uns  wie Kinder,
die meinten, erwachsen zu sein.

Ein kleiner Schritt zur Seite, ein winziger Kuss,
ein tiefer Blick, eine schweigsame Umarmung,
hätte alles verändert.

Wären wir nur wie Kinder gewesen.

Wir blieben in unserer Vergangenheit hängen,
verfingen uns in unseren stummen unausgesprochenen Wünschen,
die sich nicht kannten, nicht kennen sollten, nicht kennen durften.

Sehend, hörend, fühlend gingen wir aneinander vorbei.

Wortloses Schauen

leinen

Geisterhaft kreist der Schatten zweier Störche über das Grün der Moorwiesen. Nichts als weiter Horizont, eingerahmt vom Birkenwald. Tag und Nacht sind hier die einzigen Zeiger einer zifferlosen Uhr. Die Augen des roten Milans achten auf jeden Halm, während ein paar weitere Adebars wie stumme Säulen in den feuchten Auen steh‘n.

Ein ew‘ger Odem atmet endlose Stille.

Lebensfülle

drache

Ich erlebe mich an einem fremden weiten Strand, an den ich wundersame Weise angespült wurde. Ich fühle mich zurückversetzt in eine ichhafte Zeit, ohne das mich wie selbstverständlich begleitende und umgebende Du, das von ihr stammte, die nicht mehr ist. Alles ist irgendwie wieder zurückgedreht, zurückgestellt, nur bin ich um Jahrzehnte älter und blicke auf ein Leben zurück, während ich damals mein Leben noch vor mir hatte. Alles was zwischen damals und heute stand, ist fortgespült und hat mich alleine zurück gelassen. Ich sehe meine singulären Spuren im Sand, die aber wenig Sinn machen und nur allzu schnell von den Wellen des großen gleichmachenden Wassers verschlungen wieder als orientierungslose Einzelkornansammlung an den Strand geworfen werden. Ich lebe ein Leben außerhalb meines Wesens und doch an einen Körper gebunden, der noch lebt, essen und trinken will. Ein Kalender, eine Uhr, sind mir nur Angaben aus einer Welt, die sich anscheinend daran orientiert. Für mich sehe ich nur noch einen Wechsel zwischen Tag und Nacht. Das Dazwischen füllt sich, doch ich fühle mich unerfüllt. Ich habe scheinbar von allem zu viel, offenbar fehlt es mir an nichts. Materiell bin ich zu beneiden und lebe unverdient ein vermutlich leichtes Leben. Aber es ist ohne Salz und wie ein See ohne Wasser. Ich warte auf Regen, um eingeweicht meinem noch verbliebenen Klumpen Leben etwas Form zu geben oder Form zu erfahren und wäre es nur ein Abdruck dessen, was Leben in seinem Wesen trägt.

Irrlichter

hund

Ich habe zu viel Vergangenheit und zu wenig Zukunft.

 

Wissen und Sehen ist zweierlei. Doch nur etwas tun und auch aussprechen ist real.

 

Wer vorne nicht nach unten stürzt, droht womöglich nach hinten zu kippen.

 

Wer zu spät geht, den bestraft sein noch andauerndes Leben.

 

Wenn zwei Menschen, Mann und Frau, sich nahe waren,
dann ist dann, wenn einer von beiden stirbt diese Nähe nicht vorbei,
aber sie ist anders und sie wird nie enden.

Rollenspiele

buehne

Wir spielten miteinander Theater und setzten jeweils den anderen auf unsere eigene innere Bühne. Dort ließen wir ihn jene Rolle spielen, die wir sehen wollten. Dabei saßen wir beide doch am gleichen Tisch, Aug in Aug gegenüber und merkten es nicht. Wir wollten nicht aufwachen, denn wir sahen nur unseren eigenen Traum. Dort standen wir allerdings auf der falschen Bühne, in der falschen Rolle. Hätten wir uns doch nur berührt, uns erkannt, so wie wir waren. Vielleicht wären wir erwacht und hätten uns von unseren Träumen erzählt.

Späte Rückblicke

raeder

Manchmal denke ich über ein verpasstes Leben nach,
obgleich, vieles dann doch einigermaßen gepasst hat.
Natürlich war ich von Anfang im besseren Zehntel der Welt zuhause.
Doch es fehlte mir an persönlichem Mut, an Wagnis, an Risiko.
Ich hatte große Möglichkeiten und wählte den Durchschnitt,
sofern ich überhaupt wählte und mich nicht einfach treiben ließ.
Aber da war auch kein Hintergrund, kein Rat, keinerlei Unterstützung,
was mich begleitet und bekräftigt hätte.

Auf mich alleine gestellt durch Wände gehen zu müssen, war mir eine Nummer zu groß.
Bequeme Sicherheiten aufzugeben und andere Wege zu gehen, hätte alles verändert.
Aber ich  vertraute zu sehr aus falscher Angst dem mir bekannten Mist, als aus der Spur zu springen. Kontinuität ist keine Stärke, sondern Ratlosigkeit.

Mich stets ganz und gar zu geben, war mir im weiteren Verlauf häufige Gewohnheit.
Aber ich war zu bescheiden im Einfordern und Nehmen, nur stark im Geben.
Ich war zu oft nur ein harmloses Blatt auf den Wellen.
Jetzt bin ich alt, die Frau durch Krebs dahingerafft,
und versuche in einem späten Anlauf im Leben zu bleiben.

Und selbst jetzt ist der verbleibende Rest nicht ohne Möglichkeiten.