Abdrücke

baumweite

Leise Entstofflichung macht sich breit.
Meine Hände, Füße, zerrinnen, verlieren sich,
im endlosen Grau.
Es arbeitet, es aktioniert,
aber nicht ich handle, ich werde gehandelt.
Mein Ich wird kleiner,
meine Stimme findet keine Antwort,
meine Blicke werden nicht erwidert,
meine Arme finden keine Umarmung.

Und doch bleibt da noch ein Gedanke,
an unsere letzte Begegnung,
ihr Lächeln, ihre Zuwendung.
Ich werde dich noch fester drücken müssen,
damit es noch für Tage
einen Abdruck in mir hinterlässt.

Vom Fliegen

tor

Wenn meine Augen erwachen, ist es dunkel in meiner Zelle.
Da ist Raum, stiller Raum,
den ich abends stets selbst verschließe.
Ich bin mein eigener Schließer.
Im Freigang darf ich arbeiten, funktionieren und Haken setzen.
Doch wenn sich hinter mir das Schloss erneut verriegelt,
ist wieder ein Tag verstrichen, der mir in meinem Leben fehlt.

Unverhofft zieht eine Schwalbe ihre Kreise durch meine Zimmer,
fliegt durch Wände und Türen,
erfüllt den Raum mit ihren muntren Rufen,
der von den Wänden widerhallt.
Ein Gruß aus einer anderen,
vermeintlich lebendigen, hellen Welt.
Eines Tages überlege ich nicht lange
drück mich ab
und fliege einfach mit.

Herbst

mass

Ein Jahr ist es nun her
wieder einmal letztes Bier am Berch
aber alles ist anders, sie ist tot.

Es wäre für uns ein Festtag gewesen,
sie mit Stricksachen,
ich mit Zigarre
und einer gut gefüllten Mass.
Viele Monate und unendlich
viele Nächte sind vorüber.
So viele Tränen und doch
gibt es ein neues Gesicht,
einen neuen Namen,
eine Frau mit eigenem Wesen,
eigener Lebensart,
achtenswert, liebenswert.
Die Nächte werden wieder länger,
aber mir bleibt ein Licht,
das auch dann noch leuchtet,
wenn meine Augen geschlossen sind.
Und ich freue mich schon
auf das erste Bier
im neuen Jahr.

Weggabel

P1130721

Längst hätte ich es wissen müssen
und habe es dennoch noch nicht gedacht.
Da hängt etwas, wenn ich mich durch den Tag bewege,
da fehlt etwas, wenn ich freie Minuten genießen möchte,
oder in schweren Augenblicken nach Halt suche.

Da ist ein inneres Ziehen, der Atem schwer
und doch ein Hoffen, ein Vertrauen auf andere Stunden,
erhellt mit Leichtigkeit und tiefer Annahme.

Ich brauche Dich,
denn ein Teil von Dir ist bereits in mir angekommen,
trägt mich, hält mich, gibt mir wieder Sinn,
wo er mir bereits entglitten ist;
nimmt mir die Angst, in den langen Nächten des Winters
abzutreiben und im Allzugrauen zu verschwinden.

Ich brauche Dich,
denn auch ich möchte geben,
was Dir womöglich fehlt.
Es liegt in unseren Händen,
die nur noch zueinander finden müssen
und werden.

Wir kamen aus unterschiedlichen Richtungen,
gingen ein gutes Stück des Wegs gemeinsam,
und schon bald kommt der Augenblick,
der Dich in die eine und
mich in die andere Abzweigung führen könnte.

Lass uns gemeinsam,
einen neuen Pfad beschreiten
und eine eigene Geschichte schreiben.

Ankommen

Liebe ist bisweilen etwas sehr leises,
das nicht vieler Worte bedarf.
Es ist etwas,
das womöglich nicht einmal direkt angesprochen werden mag,
weil sie längst schon angekommen ist.
Zunächst scheu, etwas müde vom Lebensweg und
einfach mit innerer Ruhe in die Ferne blickend,
aber doch zuhause.
Halte sie fest, ganz sanft, ganz sacht,
doch sie will längst nicht mehr weg.
Miteinander in Nähe zu schweigen,
ist wie eine immerwährende Umarmung.

Weite

Es fällt schwer, in eine Normalität abzugleiten,
die ich gar nicht will.
Ihre Nähe, ihre Stimme, ihr Wesen
ist für mich ein Zuhause an jedem Ort.
Wir blickten gemeinsam weit in die Ferne.
Der Himmel zeigte uns einen Horizont,
so unglaublich klar, transparent, so frisch.
Uns zu Füßen jene Stadt, die uns beiden
stets wohlgesonnen und bergende Urbanität.
Heimkehren kann unsagbar schön sein.

Zweisicht statt Einsicht

zug

Ein Morgen ohne Sonne,
dunkle Dämmerung erdrückt den Raum.
Träge treibt eine fade Helligkeit herein.
Meine Gedanken liegen müde im Bett.
Nur langsam finden meine Beine den Weg des Alltäglichen.
Die Schwere einer distanzierten Normalität
verschlingt jegliche Motivation.
Dabei zerrinnt der Tag, die Woche, das Jahr.
Funktionalität ist Trumpf,
Pünktlichkeit, Punkte abhaken.
Ich stehe nicht auf meiner Liste.

Endlich aufwachen, in mir selbst sein,
mich erleben dürfen, heute, morgen
und mit Blick auf ein weiteres Jahr,
nicht nur für einen Nachmittag, nicht nur für einen Abend.

Alleine geht das nicht.
Helles, atmendes, waches Leben steht auf vier Beinen
und denkt mit zwei Körpern,
die sich mögen
und fest in den Armen halten.