Flaschenpost

pretzfeld

Wieder einmal, ein Hörbuch gestern Abend und ich habe das Ende der Story vergessen. Eine von mir abgeschickte  whatsApp spricht von „Psyche auf Grund“, aber auch das ist einfach weg. Nur die leere Flasche, die ist noch da und ein Blatt Papier mit einer Nachricht an mich, aus der Zeit von gestern; Flaschenpost: “ Ich laufe voll, sinke, sinke, will mich nicht halten, einfach sinken, vergessen, nicht wissen, nicht sein, einfach sinken und weg.“

Jetzt bin ich wieder aufgetaucht, wie ein Luftblase aus blauschwarzer Tiefe der Nacht. Einfach ein Blopp und ich war wieder an der Oberfläche, meine Augen sehen das Licht des neuen Tages und mein Gedächtnis ist um jene Seiten beraubt, die ich heute nicht mehr wissen will. Die Nacht hat sie herausgetrennt, eingeweicht und in der Brühe eines bleiernen Schlafs verschwinden lassen. Die Schattenseiten des Lebens Morgen für Morgen als geschreddert zu erleben, gibt mir die Chance, mit neuer Kraft jenes Häufchen Mist aufzutürmen, das mir am Abend das Licht ausdreht.  Ich muss gar nicht dazu verdammt sein, Steine hochzurollen. Das schaffe ich auch alleine. Ich kann sie aber auch stehen lassen, vor allem dann, wenn mir jemand in die Augen sieht und mich einfach in den Arm nimmt. Albernes Gedankengut im Konjunktiv, wirklichkeitsfern, aber letztlich sehr wirkungsvoll. Der Sinkende weiß um den Weg seiner Rettung, aber er kann nur einen Teil davon selbst in die Hand nehmen. Das Packen am eigenen Schopf werde ich Münchhausen überlassen.

Selbsterblinden

mond

Ich weiß nicht mehr so recht, warum ich Tag für Tag noch wollen soll? Für wen, warum, wozu? Abspülen, Duschen, Wäsche waschen, Essen kochen, Einkaufen, Garten gießen, Staubsaugen, Biertrinken, Zigarren rauchen, den Körper spazieren führen, den Geist füttern, was soll das? Meine Bodenhaftung, mein Lebensbezug ist weg. Ich laufe auf dürren Planken und bilde mir ein, dass da noch etwas ist. Aber ich weiß es längst nicht mehr und bete mir etwas vor. Ich habe mich überlebt, meine Haltbarkeit, meine Notwendigkeit ist abgelaufen, das Glas ist ausgetrunken. Natürlich kann ich nachschenken, aber es ist nur Wein, der berauscht. An Tagen wie diesen einfach die Uhr weiter laufen zu lassen, ist die Hoffnung, dass ein schwarzes Loch den Rest schon noch holen wird. Es bleibt die Hoffnung auf den nächsten Sonnenaufgang und einer reinigenden Spülung. Mit etwas Routine vergisst man sich schnell und findet in die blinde Spur.

Ertappt

zaun

Viele schön Bilder hatte ich mir von ihr gemacht, alles in Warmtönen, eine gelungene begehrenswerte Vision, eine belebte Idee, nur weil ich es so wollte. Aber die besuchte Realität hat Risse bekommen, sie ist nicht rund, hat Ecken und Kanten, mit Flecken, gebraucht, angerissen, ein Mangel. Von vielen Bildern blieb mir nur noch eine karge Auswahl, ein Rest, ein Fragment meiner Idee. Innere Gewissheit, Hoffnung, mein Wollen wechselte zu offenem Zweifel, Zögern, Zurückhaltung.

Wie aber wenn ich gleiche Maßstäbe im Spiegel ansetzen würde: ich wäre unendlich verletzt, gekränkt und es wäre vorbei. Will ich das? Welchen Restwert gebe ich meiner eingetrübten Moral, meinem bröckelnden Ethos? Auf hohem Stuhl zu sitzen ist vorbei und neben mir alle jene auf gleichem Level, denen ich nie hehre Werte zubilligen wollte.

Runder Geburtstag

baum

Es ist niemand da,
nebenan leuchtet ein Licht.
Ich sehe nur Tasten,
trinke mehr als angemessen,
es ist niemand da.
Wenn Sie noch wäre, würden wir uns jetzt still ansehen
und die Minuten gemeinsam verstreichen lassen,
unser Blick, unsere sich haltenden Hände, unsere Berührungen,
wären Zuversicht und Geborgenheit zugleich.
So aber ist alles leer, meine Blicke sehen,
ohne sehen, ohne noch atmen zu wollen,
während draußen Autos lärmend meine innere Stille stören.
Ich wickle alles  nur ab,
wickle Sie, wickle mich ab.
Alles muss raus.
Mich braucht eigentlich fast niemand,
und der eine ist auch bald nicht mehr.
Und trotzdem will ich noch sehen, hören, schreiben,
unterwegs sein, die Augen, die Sinne offen halten,
ob ich irgend etwas übersehen, überhört habe.
Und es  fällt mir immer noch etwas ein,
was zu machen, zu schreiben ist,
was mich braucht,
ehe das Nichts, das alles umfasst,
auf mich wartet.