Blindes Vertrauen

Leicht, lustig, locker, das ist schön, aber ohne Dauer, ohne Tiefe, ohne langen Nachhall, ohne Halt. Das Fenster des Haltenden liegt im Bodenlosen, im kaum Sichtbaren, das wir letztlich nicht zu greifen vermögen. Tragend heißt, das Unbekannte anzunehmen, als Stärke im nicht Verständlichen und trotzdem nicht unterzugehen, sondern auf seltsame Weise, dem Abgründigen zu vertrauen.

Verwobenes Verstehen

Das Wahre liegt nur einen Satz entfernt. Aber unsere Seele weiß längst, was in Worte so schwer zu kleiden ist. Intuition ist eine Brücke, ein Band zwischen Geist und der Welt des Anderen. Ratio, Emotion, Intuition, ist ein Blick in drei Richtungen, mit gemeinsamen Schnittmengen. Doch niemand weiß um die gleitenden Trennungslinien, die letztlich einem inneren Wesen folgen.

Kopfbilder

baum im lichtDer Wind spielt mit Bierbüchsen, die scheppernd über die Straße rollen. Die Hinterhöfe sind menschenleer, aber das Morgendlicht findet seine Winkel. Ein Amsel sitzt zufrieden auf der Pickelhaube eines Kriegerdenkmals. Eine Autotür wird plötzlich geöffnet und es wird viel junges Bein gezeigt, trotz widriger Temperaturen. Beine sind nicht nur zum Laufen da. Ein Entenpärchen hat auf einer sonnengewärmten Steinplatte eine Auszeit genommen. Der vor ihnen liegende Teich spiegelt sich im durchsichtigen Blau. Das Licht  verzaubert Blüten, Blätter, Zweige und junge Triebe. Auf ein Meer von Salbei und Lavendel blickend, verweile ich auf einem verwitterten Stein. Nur meine eigenen Füße schmiegen sich im trockenen Sand. Die ihrigen sind weit weg. Blütenblätter regnen über das atmende Stillleben und segnen ohne Worte diesen kurzen verklärenden Moment.

Wärmeleck

pfützen

Lange heiß duschen, immerhin wenigstens etwas, das mich umschmeichelt, mich wärmt, mich im Arm hält. Aber ich kann den Regler nicht beliebig weit drehen und die Illusion hat spätestens dann ein Ende, wenn ich  die Türe beiseite schiebe und damit auch das Gefühl, umsorgt, jemanden wichtig zu sein. Tief einatmen, tief ausatmen, die Augen schließen, verbliebene Kraft sammeln. Wieder einmal gilt es, einen neuen Tag zu stemmen, dessen Licht mir nichts bedeutet. Ich bleibe fast durchsichtig, verliere an Substanz und kann die Lecks nicht in den Griff kriegen. Ich kann doch nicht dauernd duschen.

Inneres Heim

innereshausEr kommt ohne zu klingeln, ohne Türen zu öffnen und bleibt einfach da. Der Tod braucht keine Einladung. Er findet immer seinen Weg und sein Timing ist endgültig. Er geht nie ohne Begleitung, nur wir bleiben zurück, übrig geblieben, beiseite geschoben, scheinbar entwurzelt. Aber unser Lebenshauch sitzt tiefer, fein verästelt, verwoben in einem inneren Haus, das uns auch dann birgt, wenn da draußen alles zusammen stürzt. Hier ist es warm, hier glimmt ein leises Feuer und schenkt uns ein mildes belebendes Licht. Hier können wir uns ausruhen, hier gehören wir hin und von hier können wir wieder hinaus. Alles hat seine Zeit und selbst der Tod verliert seine Schrecken, wenn das Leben uns ungefragt in seine Arme nimmt. Wer würde da den Augenblick nicht küssen wollen. Spüren, sehen, schmecken was lebendig macht, erklärt mehr als schwere Sätze. Einfach treiben lassen und mit dem Paddel die Zunge des Flusses kosten.

panta rhei

amsel
Wimpern, Haare, Flaum, ein zartes einander Berühren, ein ineinander Greifen, sich verschieben, bedingen, verändern. Ein fallende Blatt verdunkelt den Himmel und ein Rauschen in den Ästen verändert womöglich die Gezeiten. Karma ist nicht jetzt, hier oder gestern, sondern irgendwann am richtigen Ort. Eine Seite eines Buches ist nicht nur physikalisch scharf genug, um einen Stamm zu fällen. Jedes Wort, jeder Satz ist unvergessen und treibt an andere Gestade, um dort ganz anderes zu bewirken. Alles wirkt ineinander, ohne Grund und ohne kausalem Sinn. Wirken ist die Mutter vieler Quellen, deren Rinnsale sich verlieren oder zueinander finden,um schließlich als Bach oder Strom ihre Kraft zu finden.

Raumlose Nähe

weiherNähe ist nicht durch Nähe bedingt. Eine Stimme am Telefon, ein gemeinsames Tasten mit suchenden Worten wechselseitiger Wertschätzung, eine paar Sätze in einer Whatsapp, kurzum die Botschaft:“Schön, dass es Dich gibt.“ Und alles erhält eine andere Farbe und ermutigenden Sinn. Sich aufeinander einlassen, ohne den anderen zu überfordern, oder gar die Unterschiede zu übersehen. Gerade das Andere ist eine Bereicherung, ein Schatz anderer Wesensheit, die einem selbst verwehrt ist, ohne es jedoch werten zu müssen. Nähe wächst auch dann, wenn die Wangen sich noch nicht berühren und die Hände sich noch nicht erspüren durften. Nähe ist einfach nah sein, die Seelen sich streicheln lassen und inneren Atem gemeinsam in sich aufnehmen.

Anderswelt

indianerWir sollten viel häufiger kindlichen Träumen nachhängen und die Welt mit anderen Augen sehen, mit anderen Ohren hören und mit anderen Lippen schmecken. Ungelebtes, Unerhofftes, Unscheinbares und doch Großes darf dann im Mondlicht tanzen. Es gibt nicht nur eine Wirklichkeit. Es gibt so viele, wir wir sie denken wollen und können. Das Morgenlicht der Realität kommt früh genug und schiebt sich aufdrängend, gleichmachend und scheinbar alternativlos in den Vordergrund. Aber manchmal sehen wir beim Blinzeln gegen die grelle Helligkeit doch wieder für einen kurzen Augenblick den Tanz unserer Träume oder wir verfangen uns in den leise gesponnen Fäden unserer Fantasie.

Zurück bleiben Blüten

baumblueteUnd das Licht ist gekommen. In der ersten Stunde der neuen Osternacht durftest du heimkehren. Deine Seele ist jetzt frei und hat deinen gepeinigten Körper verlassen. Nach dieser Osternacht ist vieles anders. Für mich gab es einen schönen Sonnenaufgang und ich habe dir und mir ein Kerzenlicht angezündet. Dich zu umhegen und mich um dich zu kümmern, war mir bei meinem schweren Verlust im letzten Jahr ein großer Halt und ein Grund, im Leben zu bleiben. Dabei habe ich mich selbst wiedergefunden und einen Blick für etwas, das alles umwebt, aber nicht zu sehen ist. Du bist jetzt daheim, denn ein Teil von dir war immer dort. Die bisherige Enge von Raum, Zeit, Hunger, Durst, Schmerz, das liegt jetzt hinter dir. Zwischen uns treten jetzt die Nebel, welche aber nur meine Augen am Sehen hindern. Dafür sehe ich die Bäume in festlicher Blüte.