Gottlose Schritte

Der Gläubige hat es leichter. Hier gehört alles zu einem höheren Plan, der in sich gut ist, fertig. Für mich sind das allzu verständliche Kindheitswünsche, die einen gerechten allwissenden Weltenregler denken, der es schon irgendwie richten wird. Wenn ich gläubig wäre, hätte Gott jetzt nichts zu lachen. So aber, bin ich nur auf mich selbst geworfen und muss sehen, wie ich meine nächsten Schritte setze.

Gezeichnet

Am Tag des Abschieds waren so viele gekommen. Das war ein Gedenken mit großer Nähe und Anteilnahme. An den Tagen, Wochen, Monaten danach erlebe ich mich nur noch als Ausgeschlossenen. Abgerissen, abgehängt und gezeichnet. Die Strafe zurückgelassen zu sein, reicht offensichtlich nicht aus. Ein Stigma wird über uns, die wir den Tod sehen mussten, verhängt. Wir stören den ach so friedlichen Alltag als lebendes Mahnmal, dass wir alle nur auf sehr dünnem Eis laufen. Bleib weg mit Deiner Erfahrung, halte Abstand mit Deiner Ausdünstung des Sterblichen. Mit Verwunderung durchlebe ich diese Erfahrungen und erkenne  mich tatsächlich auf einer Linie, die mich wohl von anderen trennt. Todeserfahrung passt nicht in unsere kurzweilige, unterhaltsame und bunte Welt. Aber der Tod ist nicht grau und jenseits der Linie wird dennoch gelebt, Freude erfahren, gelitten, getrauert, gestorben.

Zurückgelassen

10 Wochen später alleine vor unserem Baum. Es bleibt unwirklich. Schnell setzte ich die Blumenzwiebeln mit den Frühjahrsblühern in den leicht gefrorenen Boden. Immer wenn ich arbeite, stocken wenigstens meine Tränen. Kälte beißt sich in mein Gesicht. Ich fühle mich völlig alleine, etwas, das ich leider aus früheren Jahrzehnten nur zu gut kenne. Als sie in mein Leben trat, wurde alles anders. Jetzt bin ich zurückgelassen, streife durch Flure und Wälder, ohne etwas zu suchen.

Gnade

Unsere Welt besteht aus anorganischer und organischer Materie. Aus der Physik wissen wir, dass nun auch noch das Nichts, die dunkle Materie dazu gekommen ist. Es gibt auch keinerlei Gnade, es sei denn, wir als Menschen lassen sie zu. So verzweifelt die Lage meiner Frau auch war, sie war beseelt von einer unglaublichen Gnade. Ich empfand die Situation in den Monaten der Pflege als gnadenlos. Dennoch ging von meiner Frau eine innere Gnade aus, die mich in stummes Erstaunen versetzte. An meiner hilflosen Panik änderte dies jedoch wenig.

Mutige Trinität

Auch wenn ich keiner Religion angehöre, so hat m.E. die Weihnachtszeit etwas mit Hoffnung zu tun. Hoffnung alleine ist aber etwas fade. Da fehlt etwas. Wir müssen auch etwas tun. Die Hoffnung gibt uns die Kraft etwas zu tun. Fragt sich nur noch was wir tun sollen. Das sagt uns zumeist unser Gewissen, so vorhanden. Ein Gewissen kann sehr unbequem sein, zumal es einfach sagt, was zu sagen ist, ohne jegliche Zensur. Weghören geht da nicht und wir werden uns ständig unser Kleinheit bewusst. Hoffnung, Handeln und sich vom Gewissen leiten lassen, kann Großes bewirken. Das ist eine Trinität, die ich verstehe und an der ich mich täglich versuche.

Und Bushido hat doch recht

In seinem Buch „Auch wir sind Deutschland“ beschreibt Bushido einen deutschen Nachbarn, der allein in seiner Wohnung sitzt und wohl nur an die Maloche des vergangenen und nächsten Tages denkt. Kein Stimmengewirr, kein Kindergeschrei, kein Lachen oder heißes Diskutieren, einfach nichts. Einen zurückgelassenen Witwer wird es im türkischen Familienverband nicht geben. Da sollten wir unsere deutsche Kultur mal überdenken und uns fragen, warum es den Türken in wichtigen menschlichen Dingen unter Umständen besser geht. Etwas „türkeln“ würde uns Deutschen ganz gut tun.

Zuhause

Monatelang gab es für mich kein Zuhause mehr. Dieser Ort war nur mit absoluter unvorstellbarer Überforderung verknüpft. Arbeit und Pflege jenseits aller Schmerzgrenze und der verzweifelten Gewissheit, dass das Hoffen ein baldiges Ende nehmen wird. So hatte ich stündlich den Tod vor Augen und blickte dabei in jenes Gesicht, das mir unendlich lieb und teuer war. Das war ein Abgrund, aber kein Zuhause. Nach all diesem Leid stockte schließlich ihr letzter Atemzug.  Ich hielt sie fest und hatte sie dennoch für immer verloren. Jetzt komme ich wieder nach Hause, freue mich schon bei der Anfahrt, öffne erleichtert die Tür und alles ist leer. Aber hier gehöre ich hin, wenn auch zurück gelassen.

Findung

Warum jetzt auch noch in einem Blog etwas niederschreiben, das im Off verschwindet? Reicht es nicht aus, mit Bildern oder mit sich selbst laut zu sprechen oder unter Menschen diese anzuschweigen? Doch was in Worte gefügt, lässt Zeichen zurück. Über Tage, über Wochen und Monate wird so ein Weg erkennbar und mag er sich auch im Kreis bewegen. Die Situation macht es notwendig, einen gelebten Wollfaden abzuspinnen, der später anzeigt, wohin ich gegangen bin. Alles weitere wird sich finden.