Perspektiven

Diesmal ist es eine andere, die sehr früh ihre Augen für immer schloss und doch kannte ich sie sehr lange und gut. Wir verstanden uns und wir sprachen auch über Inhalte, die andere gerne auslassen. Aber der Tod kennt weder Alter, Situation noch Reihenfolge. Er kommt von jenseits jeglicher Gewissheit. Wer mit ihm die Schwelle überschreitet, weiß weder um ein Davor noch um ein Danach. Für mich als Lebenden jedoch bleibt ein Riss und ein Gesicht, das ich nur noch in meinen Erinnerungen sehe. Aber ihr Lachen und ihr Ernst bleibt mir lebendig.

Indian Summer

Verfärbtes Laub, ein letztes farbenfrohes Aufblitzen, ehe alles zu Boden sinkt. Die Lässigkeit langer, warmer und heller Tage ist mit den Mauerseglern längst entflogen. Selbst in der Wohnung, gilt es sich wärmer anzuziehen. Dämmerlicht, Nebel und Dunkelheit macht sich breit. Es wird stiller und nur Wände sind meine Gefährten. Mehrere tickende Wanduhren und ein Aquarium sind miteinander im Dialog; immerhin. Leise Abende haben ihre eigene Lebendigkeit.

Kinderstube

Fünf Jahre sind verstrichen, haben dünne Fäden entstehen lassen, Gespinste, wie zarte Vorhänge, die jederzeit reißen können. Ein Teil von Rosi ist nie gegangen und wird leben, solange ich selbst lebe. Sie ist mir immer noch gegenwärtig, Tag für Tag. Heute werden wir im kleinen Kreis wieder an jenem Baum stehen, an dem ihr Weg endete, wenngleich ihr Wesen in uns immer noch wirkt. Sie hat Menschen verändert und einen Abdruck hinterlassen, der bleibt. Ihre Urne liegt nicht unter einem kalten Stein. Ein Sturm hat kleine Lichtungen gerissen und nun wächst ein ungestümes grünes Durcheinander dem neuen Licht entgegen, das von oben den Boden küsst. Nur der Tod ist ewig jung, nur im Wechsel ist Leben.

Damals

Verlassene Wohnungen sind wie vertrocknete Zimmerpflanzen,
die längst niemand mehr gießt.
Einst wurden sie gesetzt, noch klein im Wuchs,
voller Hoffnung auf eine noch kommende Zeit.
Dann erschlossen sich die Ausleger Meter für Meter.

Und jetzt?

Erinnerungsschwer schweigen die Räume.
Das Lachen, das Weinen, gar Ringen mit dem Tod,
es ist nur noch unsichtbar auf die Tapeten geschrieben.
Ein innerer Blick zurück auf Bilder, Gesichter,
die es nicht mehr gibt.

Erst wenn alles von den Wänden gerissen,
neue und frische Farben ihren Duft verbreiten,
lärmende Kinder durch die Flure eilen,
dann ist das Leben zurückgekehrt.

Palais Schaumburg

Ich baue, gestalte, werkle, Freizeit war vorgestern, oder vor Jahren? Es kostet Kraft, Zeit, vor allem Denkzeit. Und trotzdem, zwischen gesägten Planken und angezogenen Schrauben schimmert es immer wieder durch. Ich baue an einem Luftschloss, ein Puppenhaus, das spätestens dann seine Bedeutung verliert, wenn es fertig ist. Aber Leben funktioniert nicht ohne eine Idee, selbst wenn sie nicht trägt. Vielleicht ergibt sich noch eine Stützkonstruktion.

Anders

Eigentlich nur ein Stück Holz, ein Stuhl, mit Rücken- und Armlehne. Es scheint, als ob eben noch jemand darin gesessen und doch ist etwas geblieben. Der Raum wirkt heller, weicher, wärmer, hat stiftende Lebendigkeit erfahren, leise, wie eine Kerze, die ihr Licht spendet, mehr nicht.