Rückschau nach vorne, 2

Fünf Jahre sind eine kurze Zeit, in denen dennoch schier alles aus jahrzehntelangen Verankerungen geraten kann. „Never change a runing system“, ist eine eindringliche Warnung und wer möchte wirklich etwas ändern, wenn es ihm letztlich einigermaßen gut geht? Wir neigen nicht zu ständigen Anpassungen, vielmehr verharren wir, bis zum letzten Augenblick, weichen aus, verschließen notfalls die Augen, um nicht handeln zu müssen. Wenn aber erst einmal der Damm gebrochen ist, gibt es kein Halten mehr. Fehler, Trugschlüsse, Verunsicherungen, Irrungen, verspätete Erkenntnisse, schmerzliche Selbsterfahrungen und Einsicht über eigene Begrenztheit, Wechselbäder aus Trauer, Verzweiflung und kurzem Glück, Erkenntnis in eigenes schuldhaftes Handeln, Unvermögen, Unfähigkeit, Ehrlosigkeit, bis hin zu Lichtblicken und überraschendem Wagemut, sich auf wirklich Neues einzulassen und dafür einzustehen. Die letzten Fünf Jahre waren ein erzwungener unvorbereiteter Aufbruch, ohne Gepäck, Emigrant im gewohnten, scheinbar bekanntem Umfeld. Ich bin wieder zuhause, ein anderes, neues Zuhause, kleiner, aber eines, das zu mir passt.

Erwachen

Es ist die Zeit der frühen Stunden, des hellen Lichts und
der Mönchsgrasmücke.
Ihr Gesang verbindet, führt zusammen, ermutigt die Seele.
Welch eine Kraft in einem so kleinen Vogel,
abstammend von den einst mächtigen Sauriern.
Größe braucht keine Meter oder Zentimeter,
sie bemisst sich nach Klangvolumen und lieblichen Weisen.

Alt macht Neu

Irgendwo dazwischen, noch nicht richtig aufgebrochen und nur ein bisschen angekommen,
alles fließt, findet sich neu, zu einer Form, die noch nicht ist, aber schon gedacht.
Kniffe, Ideen, andere Ansätze, alles greift ineinander, sieht sich an und lacht.
Das Neue wächst aus Altem und und selten Genutztes wandert an die Straßenecken.
Jede Minute, jede Viertelstunde ist ein verwirrendes Miteinander, das sich versteht.
Und ehe der Tag sich neigt, reiht sich Bild an Bild, das endlos berichtet, ohne ein Wort.

Rückschau nach vorne, 1

Früher ließ ich einen Raum meiner Wohnung frei. Meine Zukunft sollte ein Stück weit offen bleiben. Das wurde belohnt. Jetzt sind es nur noch die Türen, die vorerst nicht nur offen bleiben, sondern noch gar nicht eingehängt sind. Aber wie lange noch? Dann schließen sich Räume und mir bleibt nur noch der Blick aus dem Fenster und in Gedanken auf vergangene Tage.

Jetzt

Meine gefühlte Lebenssituation ist wie ein Luftkissen in trügerischem Gewässer. Irgendwie habe ich es beschämend gut erwischt und weiß dennoch um dessen Labilität. Folglich achte und werte ich jeden Augenblick als ein kostbares, doch vergängliches Geschenk.

Übrig geblieben

Normale Tage, normale Jahre, sofern das als Bezeichnung überhaupt passend ist, die hat es für mich auch mal gegeben. Das war zweifelsohne vor 2009. Das bedeutet aber im Umkehrschluss, die letzten 12 Jahre meines Lebens zählten zu den nicht mehr „normalen“ Jahren. Es waren Ausnahmejahre, Jahre, in den denen belastende Situationen zum Dauerzustand wurden. Da waren Überlebenskonzepte im Alltag gefragt und auch Zusammenhalt in der Beziehung, bis der Tod auch diese Stütze einforderte. „Ich bin ein Untoter, ich darf und kann nicht sterben, andere sind auf mich angewiesen“, das war meine makabere Devise am Höhepunkt der Entwicklung. Noch gesteigert durch meine erste Frage beim Aufsuchen eines Bestattungsinstituts nach dem Tod von Rosi: „Gibt es bei Ihnen Mengenrabatt, ich muss drei Personen unter die Erde bringen?“ Einer, mein Vater (94) ist noch geblieben und gibt mir in seinem Sein immer noch Halt. Und meine Sohn, der vor vielen Jahren als Tochter verschwunden war und dann nach zwei langen Wintern als Tochter wieder zurück fand. Unabweisbare Aufgaben können tragen und Orientierung geben, selbst wenn scheinbar der Boden unter den Füßen wegbricht. Manchmal fühle ich mich wie ein Korken, der nicht untergehen kann und weiß, dass dies ein großes Geschenk ist.

Schattengeflüster

Wie auf einer Inseln, irgendwo im grauen, endlos leisem Nebel,
mitten in der Stadt, Schatten unter Schatten.
Eine Leinwand erfährt lebendige Farben nur,
wenn ich sie durch mein Handeln selbst auftrage.
Eine bunte Blumenwiese leuchtet erst dann,
wenn ich sie sehe und wirklich dort verweile.
Eigene Gedanken, Sichtweisen und Handlungen,
gründen auf meinem eigenen gewollten Tun.
Und letzteres bedient sich aus einem großen Vorrat,
den ich nie angelegt habe und mich trotzdem stärkt.