Schatten

Der Tod geht bei mir ein und aus. Er steht in meinem Bücheregal, sitzt am Tisch, liegt im Kleiderschrank, umkleidet mich und schläft des Nachts neben mir, teils in mir. Ich esse den Tod, trinke ihn und scheide ihn wieder aus und werde ihn trotzdem nicht los. Ich meine ihn zu kennen und er kennt mich um so besser. Ich atme den Tod, spüre ihn bei jedem Herzschlag und vergesse ihn, wenn ich einschlafe. Aber er wartet geduldig und ist bereits da, wenn ich wieder erwache.

Es war vor mir, doch auch der Tod macht nur Sinn, solange es Leben gibt.

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Janus

Als gestern die Sonne schien, ging ich nicht raus, als der Mohn im Garten blühte, habe ich ihn nicht gesehen, als die Vögel den heutigen Tag in der Dämmerung begrüßten, habe ich nicht hingehört, als ich satt war, habe ich es nicht gespürt.

Aber meinen Schatten habe ich gesehen, mein Klagen und mein Wimmern habe ich gehört und den bitteren Wein Schluck für Schluck getrunken.

Wirbel

blätterhalle

Ich treibe in Aufgaben, doch meine Seele ist leer. Ich verzettle mich in Unsinnigkeiten und bleibe ohne Bilanz. Ich sähe nicht und weiß nicht, was Ernte ist. Kann hell von dunkel nicht mehr unterscheiden. Wozu ist ein Morgen da, wenn schon das Gestern nichts wusste? Bücher bleiben ungelesen und Wochen nicht gelebt. Die Zeit versteckt sich hinter endlosen sich wiederholenden Tiraden, bis plötzlich alles verstummt und nichts mehr ist. Wesentliches bleibt ungedacht und ungeschrieben, ungesehen und unverstanden. Doch mein Verstand endet an der Schwelle eigentlicher Erkenntnis und Bereitschaft, das Unverstandene und Unbegreifliche dennoch zuzulassen.

Liegenschaften

schlucht

Wieso bleibt etwas an spürbarem Wert zurück, wo doch von Anfang an die Karten für ein Miteinander sehr einseitig verteilt waren und womöglich wir beide nicht einmal das gleiche Spiel im Sinne hatten? Auch das Spiel lebt von Ansagen und dem Legen der Karten. Das ist Kommunikation, die sich Schritt für Schritt offenbart, um was es geht. Wir waren beide erwachsen, lebenserfahren, redegewandt und achteten dennoch nie auf unsere Karten und deren Bedeutung. Wir haben es nie zu Ende gespielt. Die Karten blieben liegen und damit ein Geheimnis, das für mich immer noch wirkt. Klar war ich es, der das Spiel verwarf und verließ. Doch die Karten liegen noch.

Ewige Boten

kuft

Ihr seit wieder da. Wie eine gefiederte wilde Horte durchschneidet ihr ungestüm die Lüfte. Euer Ruf ist mir noch gut vertraut und es ist wie ein Schrei aus purem mächtigem Leben. Euer kleiner leichter Körper trägt euch auch dort, wo andere fallen. Lebe jetzt und warte nicht, denn die Zeit ist ein endlicher Faden.

Ihr kennt nur den ewigen Flug, auch wenn er euch verschlingt. Hinab und dann hinauf, mal ins Licht mal in die Nacht. Und sollte es das Letzte sein, was ich höre, dann ruft mich.

Mahlwerk

kirchenfenster

Seit Langem liege ich wach und wälze mich umher. Dumpfe Angst liegt neben mir,  hält mich fest im Griff. Ein Gesicht ist mir vor Augen, eine Stimme, die mich weckt. Es treibt mich um, lässt mich nicht los. Ich kann mich nicht vor mir selbst verstecken. Ich bin zuhaus‘ und doch bedrängt.

Es waren Zeilen nur, etwas Tinte auf Papier, doch hat es die Kraft mir einzuheizen, mich aus dem Bett zu treiben. Es schnürt und drückt ein Knie mir auf die Brust.

Angst ist wie ein lautloser mich atmender Schrei, der alles durchdringt. Durchs Fenster blicken dunkle Schatten, ohne Lippen, ohne Aug‘ und spinnen einen dünnen Faden durch die Zeit.

Blickwinkel

ross.jpg

Ich trinke Wein und sitze unter eigenem Dach, das ich mir nie verdient. Ich trage Kleidung, esse Nahrung, sitze auf Stühlen, die andere schwer erarbeitet, aber nie gerechten Lohn erfahren ließ. Meine stumpfe passive Zufriedenheit ist das Unglück von Vielen. Ich reihe mich ein in ein System, das seit Jahrtausenden umverteilt von Vielen auf Wenige, innerhalb des Landes, des Kontinents und auf diesem Planeten. Mein Deuten auf Andere trifft mich allein. Jeder nach seinen Möglichkeiten und alle schuldhaft beteiligt. Selbst der Geringste in diesem Land gilt anderenorts noch als König. Wohl dem, der blindlings sich seiner Tage freut, ohne sehen zu müssen.

Gesichtslos

moos

Ich habe es weggeworfen, mein Gesicht. Ich wollte nicht mehr im Licht stehen, sondern die andere Seite sehen, doch dort ist es nur dunkel. Es war mir genug, des Tags scheinbar aufrecht zu gehen, schöne Dinge zu reden und nachts ohne Boden keinen Frieden zu finden. Es ist nicht viel, den Weg zu verfehlen und die Seite zu wechseln. Einmal passiert bleibt ein Fleck, der als Mal für immer zeichnet und selbst, wenn es nur die eigenen Augen sehen.

Korrigierendes Moment

steig

Gerade in meinem aufrichtigen Bestreben, Wesentliches richtig machen zu wollen, liegt der Ansatz, es dann doch völlig zu verderben, ohne mir darüber im Klaren zu sein, wann ich die Grenzen des Vertretbaren überschritten habe. Ich fehle und glaube mich gleichzeitig auf einem vermeintlich moralisch guten Weg, während meine Füße bereits tief im menschlichen Morast kleben. Alleine auf mich geworfen und nur auf mein inneres Gespür vertrauend, wende ich mich beharrlich in einem zunächst nur leicht von meinem Ansinnen abweichenden Kurs, der dann aber doch Schritt für Schritt in die falsche Richtung driftet, bis dann der Punkt unmerklich überschritten ist, der alles in sein Gegenteil verkehrt.

Ohne Ansprache von außen, ohne den Versuch objektiver Orientierung, ohne Zwiesprache mit anderen, muss ich unabwendbar fehlen. Nur offener zulassender und kluger Dialog spendet die Einsicht auspendelnder Korrektur.